In Richard Dawkins (2004) Buch über die Evolution wird eine komplette Geschichte des Lebens auf der Erde erzählt. Diese geht allerdings heute los und endet etwa 4 Milliarden Jahre in der Vergangenheit. Ausgehend vom heute lebenden Menschen werden die nächsten Verwandten des Homo Sapiens vorgestellt anhand des Abstammungsbaumes wie er aus heutiger wissenschaftlicher Sicht gültig ist. Der Abstammungsbaum wird als Pilgerzug dargestellt, in dem zunächst die Menschenaffen, die Säugetiere, die Wirbeltiere und so weiter vorgestellt werden bis hin zu Einzellern zum Beginn des Lebens auf der Erde vor wahrscheinlich 4 Milliarden Jahren. Dieser Weg wird mit den Canterbury Tales verglichen, weshalb das Buch im englischen Original The Ancestor’s Tale heißt. In folgender Liste werden die für mich beeindruckensten Begegnungen auf der Reise erläutert.

  • Die Pilgerfahrt beginnt
    • Obwohl der Homo Sapiens schon viel älter ist, treten Kunst und Höhlenmalereien erst mit dem Cromagnon vor 40.000 Jahren auf. Diese Veränderung wird auch als GroĂźer Sprung nach vorn bezeichnet.
  • Begegnung 0: Die gesamte Menschheit
    • Der gemeinsame Mitfahre bezeichnet das jĂĽngste Lebewesen, von dem alle heute lebenden Menschen abstammen. Er dĂĽrfte selbst ein Homo Sapiens gewesen sein und erst vor etwa 30.000 Jahren gelebt haben.
    • S. 85: Königin Elisabeth und Prinz Philip stammen beide von Queen Victoria ab. Diese Tatsache wird anhand des Stammbaums von Queen Victorias Familie erklärt und in dem Zusammenhang wird auch die Bluterkrankheit in ihrer Familie betrachtet.
  • Begegnung 1
    • Vor etwa 7 Millionen Jahren trennt sich die Abstammungslinie der Schimpansen und Bonobos von unserer eigenen.
  • Begegnung 2
    • Gorillas wurden historisch oft als Vorfahren von Afrikanern gesehen, die eine Zwischenstufe zu den Europäern bilden. Evolutionstechnisch ist ein solcher Rassismus nicht gerechtfertigt, da alle Menschen gleich eng mit den groĂźen Menschenaffen verwandt sind.
  • Begegnung 6
    • Neuweltaffen sind vermutlich durch Insel-Hopping von Afrika nach SĂĽdamerika gelangt. Ein solches unwahrscheinliches Ereignis wird verglichen mit dem Risiko der nuklearen Abschreckung. Wenn die Wahrscheinlichkeit einer nuklearen Eskalation auch nur sehr gering angenommen wird, so muss ĂĽber Jahrtausende doch damit gerechnet werden, dass ein solches Ereignis eintritt und die Menschheit vernichtet. Die nukleare Abschreckung kann also keine Option sein.
  • Begegnung 11
    • Robben gehören zu den Laurasiatheren. Am Beispiel der Elefantenrobbe wird der Geschlechtsdimorphismus erklärt. Die viel größeren Männchen halten sich in der Regel einen Harem kleiner Weibchen. Darauf aufbauend wird aus dem Verhältnis der Hodenmasse zur Körpermasse von Primaten, das Sexualverhalten der Menschen eingeordnet. Dieses deutet auf schwach ausgebildete Vielweiberei und geringe Haremsbildung hin.
  • Begegnung 14
    • Unter den Beuteltieren in Australien gibt es BeutelmaulwĂĽrfe, die unseren MaulwĂĽrfen ähnlich sind, die sich in der Evolution aber unabhängig voneinander entwickelt haben. Durch konvergente Evolution haben sich auf verschiedenen Wegen “MaulwĂĽrfe” gebildet. Auch in Afrika lebende Goldmulle leben unter der Erde auf ähnliche Weise wie MaulwĂĽrfe.
  • Begegnung 15
    • Unter den Kloakentieren hat sich bei dem Schnabeltier ein beachtlicher Schnabel entwickelt, mit dem sie auch Beutetiere orten können. Die Anzahl der Nervenstränge deutet darauf hin, dass der Schnabel das entscheidende Körperteil ist. Ă„hnliche Untersuchungen beim Menschen verdeutlicht der “Homunculus”, bei dem die Größe der Körperteile in Abhängigkeit der verbindenden Nervenstränge gezeichnet wird. FĂĽr den Menschen ergibt sich eine Figur mit einer stark ausgeprägten Hand als hauptsächliches Werkzeug.
  • Begegnung 17
    • Amphibien. Am Beispiel des Salamanders wird eine Ringspezies beschrieben, die in SĂĽdkalifornien im Central Valley lebt. Im sĂĽdlichen Teil um dieses Tal leben zwei unterschiedliche Arten der Gattung Ensatina. Geht man in östliche oder westliche Richtung um das Tal herum, so ändern sich die Spezies langsam bis am sĂĽdlichen Teil die andere Spezies auftaucht, die sich nicht mehr mit der ersten kreuzt. Ă„hnliches gilt fĂĽr Silbermöwen und Heringsmöwen, die in GroĂźbritannien zu Hause sind. Auf dem Weg um den Pol verändern sich die Spezies langsam, bis am Ende beide als getrennte Arten in GroĂźbritannien aufeinander treffen. Diese Beispiele zeigen, dass Rassen keine streng getrennten Klassen sein können, da sich immer eine Art aus der anderen entwickeln muss. Ein solches Denken wird als “Tyrannei des diskontinuierlichen Denkens” bezeichnet. Ein Beispiel ist die Vergabe von sechs Schulnoten, was absurd ist, wenn man bedenkt, dass alle PrĂĽfungen eine Leistungsverteilung einer Normalverteilung folgt, mit vielen Ergebnissen in der Mitte und wenigen Ergebnissen an den Rändern.
  • Begegnung 18
    • In der Geschichte des Lungenfisches wird gezeigt, dass der Ăśbergang der Evolution aus dem Meer an Land kein abruptes Ereignis war. Es gibt Lungenfische, die sich nur zu einer bestimmten Zeit im Wasser befinden, und auch Arten, die durch Springen ĂĽber Land naheliegende TĂĽmpel erreichen können.
  • Begegnung 26
    • ​Protostomier. Verschiedene Heuschrecken-Arten paaren sich nur nicht aufgrund unterschiedlicher Zirpfrequenzen. Ă„ndert man die Temperatur, ändert sich auch die Frequenz und die Heuschrecken-Arten können sich erfolgreich paaren. Wird die Paarung in freier Wildbahn als Kriterium fĂĽr eine Rasse benutzt, ist es fraglich, ob diese Heuschrecken als eine Art gelten sollen oder nicht. Menschen hingegen unterscheiden sich wesentlich stärker äuĂźerlich, obwohl sie genetisch vergleichsweise nah ​beieinander sind. Unsere Rasseneinteilung ist daher weitgehend kultu​rell. Als Beispiel wird Colin Powell angefĂĽhrt, der keine wirklich dunklere Haut​ als G​eorge W. Bush hat, aber meist der schwarzen Bevölkerung zugerechnet wird.​
  • Begegnung 37
    • Mixotricha paradoxa sind Einzeller, die nur im Darm von Termiten leb​en. Sie werden als Beispiel gebracht, um zu zeigen dass die Symbiose verschiedener Lebewesen einzigartige Formen annehmen kann. Es wird angenommen, dass Mixotricha Cellulasen produziert, die Termiten in die Lage versetzen Holz zu verdauen, was eine einzigartige Eigenschaft von Termiten ist.
  • Die groĂźe historische Begegnung
    • Zwischen Begegnung 37 und Begegnung 38 (Archaea) wird erläutert, dass der Einbau von Bakterien in den Zellkern zu wesentlichen Verbesserungen von Lebewesen gefĂĽhrt hat. Mitochondrien oder bei den Pflanzen die Chloroplasten sind Zellbestandteile von Eukaryotenzellen, die ursprĂĽnglich Bakterien waren, sich heute aber kaum noch als solche erkennen lassen, da sie sich mit der Zelle fortpflanzen. Die Wirtszellen profitieren dabei von den biochemis​chen Eigenschaften der Bakterien.

Canterbury

Nachdem der Pilger, oder besser gesagt alle Pilger ihr Canterbury vor 4 Milliarden Jahren erreicht hat, wird in “Die Rückkehr des Wirts” beleuchtet, in wie weit Evolution sich wiederholen kann. Sicherlich ist die Evolution ein zufälliger Prozess, der sich nicht voraussagen lässt, allerdings gibt es unterschiedliche Dinge, die sich im Laufe der Evolution mehrmals unabhängig von einander entwickelt haben; so z.B. das Auge oder der Gleitflug. Solche Merkmale würden also wieder erwartet werden, wenn ein Großteil der Spezies verschwinden würde. Im letzten Abschnitt “Der Wirt sagt Lebewohl” wird die Bewunderung des Autors für den großartigen Prozess der Evolution deutlich, der gleichzeitig ein Lob auf den Erkenntnisgewinn der Wissenschaft ist. In diesem Sinne wird Ehrfurcht vor der Vielfalt des Lebendigen gezeigt, die ohne die Bewunderung eines Gottes auskommt.

Literatur


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Dawkins, R. (2004). Geschichten vom Ursprung des Lebens.